WTF is wrong with Video Games?

Phil Owen, ein US-Gamesjournalist, der nach fünf Jahren professionellem Schreiben in der Fachpresse entnervt wieder das Handtuch geworfen hat, rechnet nun mit seinem Buch „WTF is wrong with Video Games“ knallhart mit Videospielen an sich, der Industrie, den Spielern und dem Gamesjournalismus ab. Denn, Spiele sind keine Kunst und die Industrie weigert sich erwachsen zu werden.

Vorne weg noch ein wichtiger Hinweis, den man beachten sollte: Owen bezieht sich bei seiner Kritik ausdrücklich auf AAA-Produktionen der westlichen Games-Industrie, was er im Vorwort explizit klarstellt. Er zieht im Buch keinerlei Vergleiche zu kleineren Indie-Produktionen oder asiatischen Spielen, entsprechend dem Fokus der westlichen Mainstream-Presse. Nun aber zum Buch…

Filmkunst vs. Gamestechnik

Owen vergleicht sehr gerne Games mit Filmen. Der Vergleich ist beliebt, denn so sagt man ja immer wieder: Games machen mehr Umsatz als Filme, was auch stimmt. Aber wenn man mal schaut, wie viele Menschen Filme in irgendeiner Weise schauen, im Vergleich, zu wie viele tatsächlich Videospiele spielen, muss die Games-Industrie noch einiges schaffen. Warum das so ist, erklärt Owen auch ausführlich, dazu später mehr.

Owen sieht Filme eher als Kunst an. Denn ein Film ist eine Vision eines einzigen Menschen oder einem kleinen Kreises von Menschen, die in einen schmalen Rahmen gepackt wird. Durch diesen Rahmen ist fast jedes Detail in einem Film wichtig, denn man hat eben keine Zeit für unwichtige Sachen, wenn man innerhalb von rund zwei Stunden etwas erzählen möchte. Und das sei die große Kunst am Filmemachen. Videospiele hingegen haben mehr Freiraum, die Details sind unwichtig. Bei Spielen verlaufen das Gameplay und die Narration in getrennten Wegen und haben nichts miteinander zu tun. Auch die Produktion von Videospielen hat mehr den Charakter einer technischen Produktion, als einer kreativen wie beim Film.

Spiele sind wie schlechte Actionfilme

Owen vergleicht Videospiele mit schlechten Action-Filmen. An den Haaren herbeigezogene Handlung, die nur davon zehrt, noch mehr bescheuerte Kulissen und Actionmomente in den Film zu packen. Standard in Spielen. Hier sieht der Autor auch wieder das Problem von Videospielen, sie entstehen nicht nach einer kompletten Vision, sondern das Spiel oder Teile davon werden um eine Idee herum gebastelt, egal ob das Gameplay dazu passt und Sinn macht. Die Idee bei Dead Space war das Abtrennen von Alienkörperteilen, was zu Genüge durchexerziert wird. Eine schicke Stadt, die in den Wolken gebaut wurde als Idee für Bioshock Infinite. Das tröge Geballer gegen Massen von komischen Gegnern hat dann auch nichts mehr zu Sache getan.

Spiele bestehen aus genau 30 Sekunden Spaß (die Mechanik), der immer und immer wieder wiederholt wird, während man sich durch das Geschehen hangelt.

Videospiele sind nicht massentauglich

Laut Owen ist der viel gesagte Satz, dass Videospiele inzwischen für die Masse gemacht werden, Schwachsinn. Spiele sind viel zu sperrig, als dass sie massentauglich wären. Auch erfahrenere Spieler müssen fast jedes Spiel neu erlernen, sich die Mechanik einverleiben und die Feinheiten kennenlernen. Ein Nichtspieler hat mit so etwas Probleme. Die Hürden sind hochgelegt und für erfahrenere Spieler gedacht. Genauso auch das ständige Gemotze von Presse und Spielern, dass Spiele viel zu oft viel zu kurz sind. Schaut man sich Statistiken an, sieht man, dass nur ein Bruchteil der verkauften Spiele wirklich bis zum Schluss durchgespielt werden. Spiele sind nicht für Jedermann gemacht und genau das will auch die Community an Gamern, auf die die Industrie fast ausschließlich hört.

Genau hier geht auch eins der großen Probleme der Gamesindustrie los, nämlich an dem, wer diese Community eigentlich ist. Owen sieht in der Branche eigentlich das typische Bild des American Dreams, und zwar des dominierenden weißen westlichen Mannes. Es kommen kaum Leute von „außen“ rein. Wenn mal Leute mit einem anderen Mindset in die Branche kommen, steigen sie bald wieder aus, wenn sie merken, worauf sie sich eingelassen haben oder sie passen sich eben an.

Ethics in Gamesjournalism

Diese Eingeschworenheit beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Hersteller von Videospielen. Sie zieht sich genauso durch die Presse, die Owen ja vor allem miterlebt bzw. mitgemacht hat, bis hin zu den Käufern, den „Gamern“. Er nennt die Games-Presse „Games Enthusiasten“, nicht Kritiker. Sie schreiben über Spiele, nicht wie sie wirklich sind, sondern wie sie sich wünschen, dass sie wären. Die Presse schreibt für ein eingeschränktes Publikum, das denkt Spiele seien gut wie sie sind und keiner Veränderung bedürfen. Vor allem keinen Großen. Und die Industrie produziert genau für diese Käuferschaft.

Wie enthusiastisch die Presse ist, sieht man vor allem an Preview-Artikeln. Sie sind so gut wie immer positiv formuliert, und wenn man ganz leichte Kritik mit schwingt, dann wird das meist mit einem optimistischen „das kriegen die bis Release bestimmt noch hin“ kompensiert. Owen meint dazu selbst, dass man halt einfach niemand ans Bein pinkeln möchte, der einem ein Essen oder eine Reise gezahlt hat vorher.

Bei großen Titeln wird ein Hype konstruiert, und auch wenn ein großes Spiel schlecht ist, wird man es nicht in der Mainstream-Presse lesen. Wenn überhaupt mal negatives zu einem großen Spiel geschrieben wird, dann erst sehr lange nach Release und auch nur vereinzelt. Genau werden auch immer wieder nur Spiele als Ganzes wahrgenommen und sehr oft Teilaspekte kleingeredet oder ignoriert.

Dieses Vorgehen setzt sich, wie schon angesprochen, bei den Käufern fort. Dort geht es bei einem Teil sogar soweit, dass jeder regelrecht angegriffen wird, der etwas anderes sagt. Leider geht das inzwischen auch soweit, dass auch Leute angegriffen werden, die anders sind, als der eingeschworene Teil dieser Bewegung. Insbesondere Frauen, die Spiele spielen. Owen spricht hier natürlich über #GameGate. Konservative weiße männliche Gamer, die alles gerne so haben wollen, wie es immer schon war. Alle anderen sind eben keine „richtigen Gamer“. Der einzige interessante Aspekt dieser Bewegung ist, dass auch die Presse angegriffen wird, die offen als korrupt bezeichnet wird. Problem dabei nur, dass gerade durch das Arschloch-Verhalten dieser Bewegung keine Diskussion mehr entstehen kann und Owen sieht da auch wenige Hoffnung auf Besserung, weder bei der Presse, der Industrie noch bei der Community selbst, die alle festgefahren scheinen.

Phil wer?

Owen studierte (klassischen) Journalismus, aber es verschlug ihn in die Games-Fachpresse, mehr aus Geldnöten als aus Passion. Neben seinem (natürlich unbezahlten) Praktikum bei IGN, arbeitete er mit Unterbrechung lange bei GameFront und später bei Kotaku und VG247, bevor er entnervt seinen Job aufgab und seinem Frust in seinem Buch Luft machte. Wer ihm auf Twitter folgen möchte: @philrowen

Und ich dann so…

Ich gebe Owen soweit recht, dass man Spiele im Allgemeinen nicht als Kunst bezeichnen kann. Man kann höchstens Teilaspekte als Kunst herausziehen. Gut geschriebene Dialoge, ansehnliche Artworks oder Animation. Aber im Gesamten stört dann immer wieder, wie Owen auch sagt, dass Gameplay, dass sich in sehr vielen Spielen immer und immer wiederholt und genau genommen auch nicht immer wirklich zu dem passt, was im Spiel eigentlich passiert. Besonders in großen Produktionen, die viel Geld kosten wagt man sich nicht, etwas Neues zu schaffen. Etwa so, wie wenn ein Künstler Grundelemente eines beliebten Bildes immer wieder verwendet, damit die Käuferschaft damit zufrieden ist. Hat wenig mit Kunst zu tun, meiner Meinung. Schaut man allerdings in andere Sparten der Videospiele, wie kleinere Indie-Spiele, findet man oft kleine Kunstwerke, die aber oft das Problem haben, dass man sie als „Nichtspiel“ beschimpft, weil die Entwickler eben gameuntypisch vorgegangen sind. Sie werden von der lauten Masse eben nicht angenommen. Allerdings kann man das wohl auch von Filmen sagen, während die Massen den nächsten nach Schema F gedrehten Transformers schauen gehen, leben die alternativen Indie-Filme ein Nischendasein.

Dass Filme eher eine Vision ist, von einem oder weniger Menschen, ist auch ein guter Punkt des Autors. Bei Videospielen sind es immer mehrere Menschen, die das Spiel prägen und man in der Spieleentwicklung eben nicht an einen engen Rahmen gebunden ist. Und viel mehr Leute geben nicht immer zusammen die Richtung an, wie ein Spiel werden soll. Man trennt fast immer Gameplay von Grafik und Narration, genau, wie das Phil Owen in seinem Buch auch anmerkt und ich aus Erfahrung bestätigen kann.

Das Problem ist aber auch, dass sich Spiele nach wie vor sehr stark an Filmen bedienen und sie nachmachen möchten, aber meist dann eben nur schlechte Actionfilme bei heraus kommen. Man sollte vielleicht auch mal aufhören Filme und Spiele so stark zu vergleichen, was aber nur geht, wenn sich die meisten Spieleentwickler endlich mal freier bewegen und das Medium „Spiel“ mal stärker prägen würden.

Das größte Problem allerdings, dass die Industrie hat, ist die von Owen beschrieben Eingeschworenheit. Aber da gibt es einfache Mittel dagegen, vor allem als genervter Konsument. Hört auf die Mainstream-Presse zu lesen, sucht euch andere Quellen und probiert doch mal das eine oder andere Indie-Game aus. Gerade in der Indie-Szene passieren immer wieder erstaunliche Experimente und die Produktionen werden immer größer und nähern sich den ganz Großen an. Die Presse wird sich in naher Zukunft nicht ändern, genauso wenig, wie es nicht den nächsten Call of Duty Teil geben wird und genauso sicher, wie es das nächste Assassin’s Creed ähnliche Spiel geben wird. Auch GamerGate wird weiter marodieren. Diese ganze Farce ist in sich selbst festgefahren. Ein Dialog erscheint mir da sehr hoffnungslos.

Auch wenn Owen mir jetzt nichts großartig Neues erzählt, zeigt er einen guten Überblick über den Zustand der Mainstream-Videospiele von einer Sicht direkt aus dem Herzen der Presse. Interessant war auf jeden Fall, dass er den desolaten Zustand von Spielen anhand von Beispielen gut in Worte gefasst hat und mir vor Augen geführt hat, was mich bei Spielen auch schon seit Längerem stört.

Wer jetzt Interesse am Buch hat, der kann bei Polygon das erste Kapitel Probe lesen. Kaufen kann man es entweder bei Gumroad für einen Pay-what-you-want-Preis ab 3 USD oder als Kindle-Version bei Amazon.com

Ein Gedanke zu „WTF is wrong with Video Games?

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