Das Märchen von der Privatsphäre. Die Couch-Kolumne

Vorratsdatenspeicherung, Volkszählung, Datenkraken: Das sind nur einige Reizwörter, die immer wieder Aktivisten und Kritiker auf den Plan rufen. Privatsphäre ist heilig und muss geschützt werden. Doch was bedeutet heutzutage eigentlich noch Privatsphäre? Was wollen denn alle schützen und macht das denn überhaupt noch Sinn?

Früher war alles besser?

Die Datensammelwut der großen Konzerne ist ausgeprägter den je. Klar, denn Daten sind Gold, wenn es um das Geldverdienen geht. Welcher „User“ schaut sich schon Werbung an, die ihn nicht interessiert? Es ist doch viel effizienter, wenn man beispielsweise dem Hobby-Gärtner Produkte aus dem Gartenbereich anbieten kann, anstatt ihn auf günstige Plastikblumen hinzu weisen. Leuchtet ein, oder? Für solche Daten zahlen viele Firmen eine Menge Geld. Doch erst einmal der Reihe nach…

Das was die gutmütigen Datenschützer also schützen wollen, unsere Privatsphäre, ist uns wohl schon vor Jahrzehnten abhanden gekommen. Einen Trojaner, Wurm oder Virus hatten wir doch bestimmt alle schon mal auf dem Computer. Erinnert sich noch einer an die Zeit, als eine Firewall beim Surfen zur Pflicht wurde ? Viele Trojaner richten zwar „nur“ Schaden an, aber so manch ein Schadprogramm spähte schon damals unsere Festplatten aus und sendete empfindliche Daten an einen anonymen Dritten.

Oder man denke an die Zeit, in der Chats und Instant Messenger aufkamen. Wie viele Angaben und Fotos habt ihr denn damals unbekannten Leuten freigegeben? Ist es nicht auch so, dass wir uns z.B. mit dem „Wegklicken“ der ICQ-AGBs damit einverstanden gaben, dass der komplette Chat-Log des Instant Messenger Dienstes der Firma hinter ICQ gehört und nicht dem User? Inklusive aller Details wie Email-Adressen oder Telefonnummern? Vielen Usern ist das bis heute nicht bewusst. Und welche Firma steckt eigentlich hinter ICQ? Das ändert sich auch alle paar Jahre… schwer nach zu vollziehen, wer jetzt eigentlich meine Privatsphäre einsieht. Dabei ist ICQ ja nur einer von vielen. Wer glaubt, dass Skype, MSN und was es noch so alles gibt, da anders sind?

Der tägliche heimliche Datenklau

Unsere Daten sollen sicher sein, aber gibt es nicht auch im geheimen Datensammler, gegen die man sich nur schwer abschotten kann? Die GEZ versucht ja vieles um an die persönlich Daten heran zu kommen. Schließlich hat ja jeder die Rundfunkgebühren zu löhnen. Dass nach einem Umzug auch immer pünktlich der „Schon GEZahlt“ Zettel im Briefkasten liegt, ist ja schon obligatorisch. Und einen unangenehmen Gebühreneintreiber haben bestimmt auch schon einige vor der Tür stehen gehabt. Woher wissen die eigentlich, wo man wohnt? .Da bedient man sich auch fröhlich an den Daten des Einwohnermeldeamtes.

Oder der berühmte Schufa-Eintrag. Bei jedem Geldgeschäft, sei es nur ein neuer Handyvertrag, sickern empfindliche Daten durch. Ein mehr oder weniger korrektes Profil seiner potentiellen Zahlungsfähigkeit wird hier auch ohne Wissen des Einzelnen herumgereicht. Und das unglaubliche ist ja, dass dies größtenteils rechtens ist. Oder lest ihr euch immer das kleingedruckte in euren unterschriebenen 100-Seiten Verträgen durch?

Apple steht ja derzeit mal wieder am Pranger, denn ihre iPhones, iPods oder iPads sammeln fleissig Standortdaten und erstellen ganze Bewegungsprotokolle in einer Backup-Datei, wie jetzt kürzlich heraus kam. Doch, was ist mit den anderen Handy-Anbietern? Unsere Lieblingsdatenkrake Google tut dies ja auch. Microsoft, Nokia und wie sie alle heißen sind da auch keine Ausnahme. Wir alle benutzen schon seit Jahren Googles Suchmaschine und freuen uns wenn sie exakte Suchergebnisse liefert. Dass die unserem Profil entsprechen, merkt man schon gar nicht mehr. Google drängelt sich auch immer mehr in viele Bereiche des täglichen Lebens. Googlemail oder der flotte Browser Chrome weiß genaustens Bescheid über seine User. Schon mal gewundert, warum die Android-Kontaktliste Daten hat, die man nicht selbst eingegeben hat? Oder das Chromes Autovervollständigung so exakt ist? Google weiß auch wie das Haus aussieht, in dem man wohnt, wie stark mein WLAN ist und womöglich auch wo man arbeitet?

Ja, auch Amazon weiß genau was man noch zusätzlich kaufen könnte, um eventuell die Versandkosten zu sparen. LastFM kann auch anhand seiner Musiksammlug genau sagen, was man noch so gerne hören möchte und die Werbeanzeigen so mancher Seiten wissen auch genau, wo man sich gerade ins Internet eingeloggt hat und kann mir empfehlen, dass ich doch dann gleich naheliegende Lokalitäten besuchen könnte.

Generation Facebook

Das soziale Netzwerken ist großer Bestandteil unseres Lebens geworden. Sei es MeinVZ, LinkEd, Xing oder das allgegenwärtige Facebook. So kann man mit seinen „Freunden“ immer und überall in Kontakt bleiben, ohne dass man sie wie früher anrufen müsste. Auch Zuckerbergs Geniestreich weiß viel über seine User. Da wird man schnell anhand vieler Rubriken charakterisiert, wenn man seine Angaben bei Heimatstadt, Arbeit oder Hobbys und Interessen eingibt. Wo hat man denn überall auf „Gefällt mir“ geklickt? Und man kann noch so wenig Daten in seinem Facebook-Profil eingeben oder in den unendlichen Weiten der Optionen die Privatsphäre definieren. Was ist denn mit seinen ganzen Freunden? Wenn man sich mal die Freundesvorschläge von Facebook anschaut, merkt man schnell, dass genau dort auch sehr viel Informationen auf einen zugeschnitten wird, obwohl man eigentlich nur „Mr. Anonym“ heißt.

Twitter ist auch so eine Sache. Schon mal gewundert, was für Leute einem eigentlich oft folgen, deren Profil sofort verrät, dass sie eigentlich nur an unserem Geld interessiert sind? Probiert es doch einfach mal aus und twittert gängige Reizwörter wie „Poker“ „Sex“ oder „Schnäppchen“. Da muss man nicht mal mehr Hashtags benutzen. Ihr werdet bald die ersten „fremden“ Follower haben, versprochen.

Voyeurismus ist chic

Auch wenn man kein großes, gewinnorientiertes Unternehmen ist, sondern einfach nur neugierig, dann kann man oft erstaunlich viel über eine Person herausfinden. Einfach mal Zielpersonen googlen oder in Facebbook suchen. Sehr oft wird man auf irgendwelche Daten, Fotos oder andere Informationen stoßen, von der die Person oft nicht einmal weiß, dass sie so öffentlich einsehbar sind.

Jedoch gibt es auch noch ein ganz anderes Phänomen. Viele wollen ja, dass „Freunde“ aus seinem sozialen Netzwerk genau Bescheid wissen, was man gerade so treibt. Man führt sein Leben bewusst öffentlich, zu welchem Zweck auch immer. Dienste wie standortbezogene Netzwerk Foursquare lassen uns wissen, wo sich Hans Dampf gerade aufhält und man kann sich dann auch gleich denken, was er dort tut. Oder Statusmeldung in Twitter: „Bin gerade ein Käffchen in XY trinken“. Natürlich lässt sich dies dann auch gleich automatisieren und mit anderen Diensten wie Facebook verbinden, damit auch ja jeder mitbekommt, was bei Hans Dampf gerade spannendes passiert. Und wenn es nur die Mitteilung ist, dass man gerade eine schöne Blume im Stadtpark gesehen hat, mit Foto versteht sich. Was ist heutzutage eigentlich noch Privatsphäre?

Überwachungsstaat?

Nun wird sich empört über den Staat, der Vorratsdaten speichern, mehr Überwachungskameras aufstellen, Nacktscanner an Flughäfen einführen oder eine Volkszählung durchführen will. Die Themen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen, das ist klar. Aber ist es nicht so, dass viele dieser Kritiker schon lange, freiwillig, gläsern sind in ihren sozialen Netzwerken? Die Offenlegung von geheimen Machenschaften von Konzernen und Regierungen ist gut und richtig, da sollten wir Organisationen wie Wikileaks dankbar sein. Doch bei den Kritiken und Skandalisierungen sollte uns allen immer bewusst sein, dass viele von uns schon gläsern sind und zwar freiwillig. Wir sollten alle genauer hinschauen, wenn wir wieder einmal AGBs wegklicken oder unseren Status in Twitter oder Facebook veröffentlichen. Es ist bequem und einfach, aber birgt Risiken. Das wird Privatsphäre schnell zum Märchen vergangener Generationen.

Und zum Schluss noch das nette Video von Alexander Lehmann zum Facebook-Thema:

Gesendet von meiner Couch

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3 Gedanken zu „Das Märchen von der Privatsphäre. Die Couch-Kolumne

  1. Sebastian

    Ausgeglichen, schön erörtert und mal nicht Anti-Apple. Danke Stev.

    Wohingegen mein Hauptargument im Privatsphaeren-Tumult wäre doch der Benutzer an sich.

    EIn Grossteil derer, die jammern, sind doch bei Google Mail, Facebook, Xing, Amazon, iTunes und sonstiges. Selbige bewegen sich ohne Sinn und Verstand online und geben Daten, Photos und andere Daten völlig achtlos preis.

    Das Schöne ist doch das es jeder weiss. Aber alle jammern.

    Kein Wunder also das sich Firmen dies zum Nutzen machen.

    Angebot und Nachfrage. Gilt auch in Sachen persönliche Daten.

    Gruesse aus Perth.

    (Ja, ich habe meinen Namen gegoogelt, es taucht nichts auf ausser die Erwähnung meiner Diplomarbeit auf der Uni HP. Kein Facebook, kein Flickr, kein Xing, kein Amazon kein gar nichts, nur iTunes, und ich habe deren AGBs gelesen und verstanden.)

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  2. Big A

    Guter Artikel! Eine Sache möchte ich gerne erwähnen. Das Bürgerbüro ist berechtigt deine Daten an Dritte weiterzugeben, ja, auch Privatpersonen/Firmen/ etc. Unter Anderem Adressbuchverlage, Parteien und Wählergruppen bei Wahlen und Abstimmungen, Presse und Rundfunk bei Alters- und Ehejubiläen !!UND!! Privatpersonen über das Internet. Auf gut Deutsch, jeder kann völlig umsonst Zugriff zu deinen Daten haben und wer hat es möglich gemacht? Danke, Frau Merkel. Die Krankenversicherungen haben ja noch wenigstens Geld kassiert für die Daten (Siehe AOK) aber der Staat macht es umsonst.

    Einzige Möglichkeit dies zu unterbinden ist, einen Antrag auf eine Übermittlungssperre zu stellen. Dieser sieht zum Beispiel bei der Stadt Konstanz so aus:
    http://www.konstanz.de/rathaus/02230/02473/03711/03715/index.html?lang=de (siehe Link zur PDF). Leider ist diese Tatsache den wenigstens bekannt, da man ja ausgeht, dass man z.B. nur auf Antrag an Daten heran kommt oder Staat die Daten der Bürger für schützenswert hält, aber das ist ein Irrglaube. Man muss mittlerweile beantragen, wenn man seine Daten schützen will. Leider ist dies den wenigsten bekannt.

    Wollte ich nur mal erwähnt haben…weiter so, Stev!

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    1. Stefan Beitragsautor

      Der Staat hat da seine eigenen Ausnahme-Gesetze… das ist ja der Witz. Siehe Zensus 2011

      Schon kurios alles… und dann regen sich Politiker über Facebook auf, was? 😉

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