Das Finale der Altherren-Nerds: Extraleben III – Endboss

Konstantin Gillies geht in die letzte Runde der Extraleben-Trilogie. Wir haben den Controller zur Seite gelegt und „Endboss“ gelesen. Eine ansehnliche Buchreihe popliterarischer Unterhaltung geht hiermit zu Ende. In Endboss geht es um alles, die zwei Altherren-Nerds retten mal wieder die Welt und machen einige verschwörungsfanatische Entdeckungen.

 

 

Was bisher geschah

Extraleben – Kee und Nick (alias „Der Beifahrer“), zwei Mittdreißiger auf ihrem Höhepunkt des Nerddaseins. Aus einer Retro-Reise durch die USA wird ein Wettlauf gegen die Zeit. Ihre Suche nach alten Sagen und Mythen, wie die legendären E.T. Cartridges, die in der Wüste vergraben sein sollen, wird zum bitteren Ernst. Sie lassen es sich aber nie nehmen immer und immer wieder in der goldenen vergangenen Zeit zu schwelgen, was die Beiden so sympathisch macht. Dank ihres vermeintlich unnützen Wissen über alles, was Elektronik in sich hat, retten sie die Welt. Noch im ersten Buch bekommen sie sehr coole Jobs in der geheimnisvollen Firma „Datacorp“. Eine Firma, die sich darauf spezialisiert hat Daten aus vergangener Zeit zu retten und wieder benutzbar zu machen, was in der hochtechnologisierten Welt ganz schön oft gefragt ist.

Der Bug – Das Buch glänzte mal wieder mit Sprüchen und Zitaten, die allen technikversierten Leser aus der Generation der 80er und 90er nostalgische Seufzer entlocken lässt. Die beiden Protagonisten jagen im Auftrag der „Datacorp“ wieder mal alten geheimnisvollen Daten hinter her und diesmal quer durch die Welt. Mehr zu „Der Bug“ → Altherren-Nerds retten die Welt: Buchkritik “Der Bug”

Endboss

Kee und Nick werden mal wieder aus ihrem neuen Spießer-Leben gerissen, als sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion zu einem Unfall gerufen werden. Ihr Chef ist mit einer Sportmaschine abgestürzt und alles was die beiden finden, ist ein steinalter und zerstörter IBM-Computer und eine altertümliche Daten-Kassette. Doch was ist so Wichtiges auf dieser Kassette drauf, dass Nick kurz danach gar entführt wird? Natürlich kann der Datenträger nur noch von einem bestimmten Computer ausgelesen werden, von denen es nur noch ganz wenige gibt. Nun beginnt das letzte Abenteuer der Beiden. Kee muss Nick befreien und die Reise beginnt erneut, zurück in den USA, wo alles damals mit einem harmlosen Nerd-Urlaub begann.

So wahr…

Diesmal geht es natürlich auch wieder spannend zur Sache, zwar reißt die Geschichte keinen wirklich vom Hocker, aber die Details sind hier wichtig. Wusstet ihr, wie man mit einem Gameboy mit einem Cam-Aufsatz eine Code-geschützt Panzertür knacken kann? In „Endboss“ lernt man es (Ob das tatsächlich funktioniert muss jeder selbst raus finden!). Die Story an sich und die Wahrheit am Schluss ist diesmal realistischer und weniger übertrieben geworden, als das noch in „Der Bug“ der Fall war. Der Trip oder viel mehr die Flucht durch die Vereinigten Staaten hat den Flair alter 80er-Fernsehserien. Dank der zwei Nerds wird auch mal wieder viel Fachwissen umher geworfen und der Roman ist voll von zitierenswerten Sprüchen und Dialogen. Ich als Jahrgang 1982 konnte mich wieder sehr gut in die zwei Charaktere versetzten. Haben wir uns nicht alle einmal vorgestellt, Nerd und zu gleich Held zu sein? Natürlich mit 80er-Fensehästetik oben drauf. Frei nach dem „Lisa-Prinzip“* und „Never change a runnig system“ Motto.

*bennant nach dem Apple Lisa Computer (Baujahr 1983), bei dem zu wenig Bits im Datumsspeicher waren, sodass die Systemuhr nur 22 Jahre lang funktionierte. Ab 1995 wurde alles wieder auf 1980 zurückdatiert. Die Zeit in dem die beiden Protagonisten immer noch leben. (Seite 33/34)

Zitate!

Weil „Endboss“ dank seiner tollen Mono- und Dialogen noch lesenswerter wird, werde ich hier ein paar zum Besten geben:

Trotzdem sie sich eigentlich der „Goldenen Zeit“ (Lisa-Prinzip) verschrieben haben, reflektiert Kee darüber, wie komisch es ist, dass ihre… (Seite 164)

„…Nostalgier trotzdem nicht nachlässt. Kaum hat man gemerkt, dass ein Kindheitshit im Licht der Gegenwart von Schrott zerfällt, schwärmt man schon vom nächsten – der unterm Reality Check genauso zerbröseln würde. Es ist wie mit alten Games, die wir immer wieder rauskramen. […] [es] zockt sich heute so zäh. Das Spiel ist zwar dasselbe, nur der Mensch am Joystick nicht.

Nick trauert den guten alten Zeiten nach (Seite 178):

„Ständig muss man dabei zugucken, wie Sachen, ohne die man früher nicht leben konnte, einfach so verschwinden, abgebaut werden.“ (Er spielt auf Telefonzellen an)

Kee kontert:
„Niemand, ich wiederhole, niemand vermisst eine Telefonzelle wirklich. Genauso wenig wie jemand heute noch ein Testbild sehen will, das war doch nichts als faschistoide Unterhaltungsverhinderung. Außerdem habe ich kein Bock mehr, eine halbe Ewigkeit im Brockhaus zu blättern, weil mir nie einfällt, ob ´P´ vor oder nach ´S´ kommt. Und erst die verfickten Falk-Pläne, die man zwar immer auseinander-, aber nie wieder zusammengefaltet bekam […] Es ist doch so, Alter: In Wirklichkeit war doch früher kaum was besser – außer uns selbst vielleicht!“

Nick philosophiert, warum „Reisen“ heute nicht mehr das Selbe sind wie früher (Seite 229/230):

„…, wenn die Kids heute Urlaub machen, dann haben sie ständig ihr Telefon an, sodass jeder ihrer total supi Freunde in jeder Nanosekunde genau weiß, wo sie sind und ob sie sich gerade die Socken zusammenrollen.„[…]
Damals, da hieß es; Tschüss, Taschentuch winken an den Landungsbrücken, wir sehen uns in drei Wochen. […] zuhause anrufen? Keine Chance, weil es entweder mordmäßig teuer war oder die Schlange vor der Zelle einmal ums Hotel ging. Also: Die einzige Möglichkeit, in der Zwischenzeit was zu „posten“, […] war eine Postkarte in den Briefkasten zu schmeißen. […] Der Unterschied [zwischen dem Reisen heute und dem früher] ist: Früher warst du echt weg!“

Kee siniert über die Goldenen Jahre und was sie damals eigentlich hätten machen sollen (Seite 291):

„Nein das hätte anders laufen müssen. Wir hätten in den goldenen Netzjahren unsere eigene Software-Bude aufmachen müssen, mit irgendeiner völlig trivialen Sache […] Das hätten wir garantiert hingekriegt. Leider haben wir die Netzrevolution und mit dem Geld machen total verpennt, weil wir so damit beschäftigt waren, Metal Gear Solid zu zocken“.

Fazit

Mir hat „Endboss“ fast am besten gefallen von den drei Büchern. Es bedient sich zwar am gleichen Rezept wie seine Vorgänger, kommt aber mit einer besseren Geschichte daher, die nicht ganz so übertrieben wirkt, wie Kampfroboter in Grönland. Die ganzen Seitenhiebe, Klugscheißereien und Dialoge sind natürlich mal wieder der Oberhammer, sprechen wohl aber auch nur ein Teil einer Generation an, aber die dafür richtig. Jeder, der seit seiner Kindheit Videospiele mag und immer schon gern mit technischen Geräten gespielt hat ist bei Gillies Buch richtig.

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